Andreas Friedrich Hermann Wilhelm Ortloff
* 1. Dezember 1870 Weimar
† 21. Juni 1947 Marburg
von Sylvain Hodvina

Andreas Friedrich Hermann Wilhelm Ortloff wurde als viertes von 6 Kindern des Landgerichtsrat Hermann Friedrich Ortloff (* 17. September 1828 Jena, † 2. Dezember 1920 Weimar) und dessen Ehefrau Christiane Sophie Marie Aline Hegner (* 20. August 1838 Jena, † 14. Dezember 1915 Weimar) am 1. Dezember 1870 in Weimar geboren. Seine Geschwister waren Klara (186x‒19xx), Zwillinge (totgeboren 1865), Carl Alfred Friedrich (1873‒1945) und Marianne Dorothea Sophie (1876‒1923).
Nach Absolvierung der Volksschule erfolgte der Übergang zur Realschule 1. Ordnung zu Weimar Ostern 1881. 1886 wurde die Schule in Realgymnasium Weimar umbenannt. Wilhelm Ortloff besuchte die Untersekunda sowohl 1886/87 als auch 1887/88 und beendete seine schulische Ausbildung mit dem Abitur im März 1891.
Schon zu Ostern 1891 begann er zunächst ein Studium der Kameralistik an der Großherzoglich und Herzoglich Sächsischen Gesammt-Universität Jena, wechselte aber im Wintersemester 1891/92 zum Studium der Mathematik. Ab Ostern 1893 setzte er das Mathematikstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München fort und blieb in München bis Ostern 1894. Danach studierte er wieder in Jena, jedoch erweitert um die Naturwissenschaften. Im März 1895 promovierte er in der philosophischen Fakultät mit einer chemischen Arbeit „Ueber die Reibungskoeffizienten der drei Gase Aethan C2H6, Aethylen C2H4, Acetylen C2H2“ und schloss sein Studium im Frühjahr 1896 ab.
Die Lehramtsprüfung zu den Fächern Chemie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Mathematik und Physik legte Wilhelm Ortloff im Mai 1896 in Jena ab, danach absolvierte er ein Seminarjahr am Großherzoglich Sächsischen Gymnasium in Jena bis Ostern 1897 und ein Probejahr bis März 1898 am Großherzoglich Sächsischen Realgymnasium Eisenach. Eine erste Stelle als Hilfslehrer bestand bis April 1899 am Fürstlichen Gymnasium zu Sonderhausen, eine weitere Hilfslehrerstelle bis Oktober 1899 an der Stadtschule Bad Wildungen.
Von Oktober 1899 bis April 1900 folgte eine reguläre Anstellung als ordentlicher Lehrer an der Bad Wildunger Stadtschule. Von April 1900 bis zu seinem Ruhestand ab 1. April 1933 war Wilhelm Ortloff Oberlehrer an der Realschule Bad Wildungen, seit Januar 1918 auch mit der Einstufung als Studienrat. Gelegentlich wird Wilhelm Ortloff in Publikationen als „Professor“ tituliert. Auf Antrag des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums in Cassel wurde durch den Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten im Dezember 1912 Wilhelm Ortloff der Charakter als Professor verliehen. Seit Ostern 1913 erteilt Wilhelm Ortloff außerdem wöchentlich 2 Stunden naturwissenschaftlichen Unterricht und seit Ostern 1919 zusätzlich 2 Stunden Mathematik an der höheren Mädchenschule zu Bad Wildungen.
Am 24. Mai 1904 heiratete Wilhelm Ortloff in Alt-Wildungen die Edith Bertha Henriette Rickelt (* 9. Oktober 1883 Stryck bei Willingen, † 6. März 1946 Bad Wildungen), Tochter des Oberförsters Wilhelm Louis Rickelt (* 13. März 1839 Frederinghausen, † 27. Mai 1910 Alt-Wildungen) und der Bertha Hermann (* 2. November 1854 Twiste, † 11. April 1904 Alt-Wildungen). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Friedrich Hermann Wilhelm Werner (1905‒1950) und Aline Bertha Edith Ella (1908‒1993).
Während des 1. Weltkrieges leitete Wilhelm Ortloff die Realschule in Vertretung des einberufenen Studiendirektors Carl Reichardt (1865‒1955). Er selbst war zwar seit April 1903 (ohne vorher Militärdienst geleistet zu haben) dem Landsturm zugeteilt und wurde im Mai 1915 zur Feldartillerie ausgemustert, allerdings nur garnisonsdienstfähig. Nach Reklamation wurde er aber nicht einberufen.
Hatte sich Wilhelm Ortloff anfänglich noch mehr mit Chemie beschäftigt, so wuchs sein Interesse an der Botanik seit er sich in Bad Wildungen niedergelassen hatte. Das Waldecker Gebiet war im 19. Jahrhundert Gegenstand mehrerer Floren, zunächst zu nennen ist die bereits 1842 erschienene „Flora Waldeccensis et Itterensis“ von Jean Baptista Müller (1806‒1894), die jedoch als unvollständige und nicht zuverlässige Quelle gilt, da sie neben lückenhaften Nennungen zahlreiche zweifelhafte oder falsche Angaben enthält. Danach wurde die waldeckische Flora sowohl bei Ludwig Volrad Jüngst (1804‒1880) in der 1852 publizierten „Flora Westfalens“ als auch 1858 bei Paul Friedrich August Ascherson (1834‒1913) in seinen „Beobachtungen über die Flora des Fürstentums Waldeck“ berücksichtigt. Schließlich gab es noch von Friedrich Georg Kohl (1855‒1910) die 1896 publizierte „Excursions-Flora für Mitteldeutschland“ mit zahlreichen Fundangaben (allerdings im Wesentlichen auf dem bereits 1891 ohne Quellen erschienenen Fundort-Verzeichnis von Julius Wilhelm Albert Wigand (1821‒1886) beruhend). Darauf aufbauend konnte Wilhelm Ortloff die bei ausgedehnten Wanderungen in die nähere und weitere Umgebung von Bad Wildungen vorgefundenen Pflanzenstandorte in der von ihm 1908 publizierten „Flora von Bad Wildungen und seiner Umgebung“ zusammenstellen.
Während bei Grimme (1958) zahlreiche Angaben von Ortloff in die „Flora von Nordhessen“ Eingang gefunden haben und nur wenige als fraglich bezeichnet werden, wurden in der 1997 erschienenen „Pflanzenwelt zwischen Eder und Diemel. Flora des Landkreises Waldeck-Frankenberg mit Verbreitungsatlas“ von Becker & al. nur wenige Angaben von Ortloff wiederholt, so sie denn plausibel erschienen oder durch Eigenfunde bestätigt werden konnten. Weitere botanische Publikationen von Wilhelm Ortloff sind nicht bekannt.
Wilhelm Ortloff betätigte sich auch schon früh im Naturschutz; er machte bereits 1922 als Vorsitzender des örtlichen Lehrervereins Vorschläge zur Ausweisung von Naturdenkmalen und führte Listen schützenswerter Pflanzen von Sonderrain und Bilstein bei Bad Wildungen (beide Gebiete sind erst seit April 1979 beziehungsweise April 1999 als Naturschutzgebiete ausgewiesen). Er setzte sich für die Erhaltung bemerkenswerter Bäume und seltener Pflanzen ein, etwa die am Sonderrain wachsende Küchenschelle und des Märzenbechers auf der Aschkoppe bei Hundsdorf. Wilhelm Ortloff war ab 1924 zunächst „Naturschutzkommissar“ des Ederkreises und ab 1935 (nach Einführung des Reichsnaturschutzgesetzes vom 26. Juni 1935, das eine Neuregelung des Naturschutzes in Deutschland vornahm, indem Naturschutzvorschriften vereinheitlicht, Schutzzonen und Artenschutz bestimmt wurden) Kreisbeauftragter für Naturschutz und gilt damit als einer der Pioniere des Naturschutzes in Waldeck.
Außerdem engagierte sich Wilhelm Ortloff im Waldeckischen Geschichtsverein, er war Mitglied des Kurvereins und seit 1913 drei Jahrzehnte lang Vorsitzender des 1883 gegründeten Touristenvereins (ab 1916 Hessischer Gebirgsverein und ab 1929 Hessisch-Waldeckischer Gebirgsverein). Auch betreute er das Wetterhäuschen im Kurpark, bei dem täglich die Messwerte abgelesen und notiert werden mussten.
Wilhelm Ortloff starb am 21. Juni 1947 in Marburg in der Nervenklinik an Zerebralsklerose und Pneumonie und wurde auf dem Friedhof Altwildungen beigesetzt.
Herbarbelege von Wilhelm Ortloff sind bislang nicht bekannt. Möglicherweise gibt es solche aber im Herbar des ebenfalls in Bad Wildungen botanisierenden Buchdruckereibesitzers Felix Karl Paul Pusch (1886‒1948), das im Stadtarchiv Bad Wildungen verwahrt wird, aber noch nicht eingesehen werden konnte. Der sonstige Nachlass befindet sich im Rudolf-Lorenz-Archiv Bad Wildungen (eine diesbezügliche Anfrage wurde nicht beantwortet).
Von der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bad Wildungen wurde am 25. Januar 1961 im Zuge zahlreicher Straßenbenennungen ein Verbindungsweg auf der Südseite des Unterscheides als Wilhelm-Ortloff-Weg benannt.
Publikationen:
- 1895: Ueber die Reibungskoeffizienten der drei Gase Aethan C2H6, Aethylen C2H4, Acetylen C2H2. ‒ Inaugural-Dissertation der philosophischen Fakultät zu Jena zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Wilhelm Ortloff aus Weimar, Jena, 33 Seiten + 2 Tafeln.
- 1896: Beitrag zur Kenntnis eutropischer Reihen. ‒ Zeitschr. Physikal. Chemie 19, 201‒227, Leipzig.
- 1908: Die Flora von Bad Wildungen und seiner Umgebung. ‒ Paul Pusch, Bad Wildungen, 54 Seiten.
- 1925: Schloss Friedrichstein und seine Geschichte. ‒ Paul Pusch, Bad Wildungen, 61 Seiten.
- 1926: Naturdenkmalpflege in Waldeck. ‒ Geschichtsbl. Waldeck Pyrmont 23, 100‒102, Mengeringhausen.
- 1936: Führer durch Bad Wildungen und Umgebung. ‒ Erwin Funk, Bad Wildungen, 91 Seiten.
Publikationen über Wilhelm Ortloff:
- Göbel H. 1970: Ein Gedenkblatt für Dr. Wilhelm Ortloff. ‒ Waldeckische Landeszeitung vom 1. Dezember 1970 [7].
- Lübcke W. 1987: Pioniere des Naturschutzes. Prof. Dr. Wilhelm Ortloff (1870 bis 1947). In: W. Lübcke: Geschichte des Naturschutzes in Waldeck, Schriftenreihe Naturschutz Waldeck-Frankenberg 1, 25, Korbach.
- Nieschalk C. 1987: Zur Geschichte der floristischen Forschung im Kreise Waldeck-Frankenberg. In: W. Lübcke: Geschichte des Naturschutzes in Waldeck, Schriftenreihe Naturschutz Waldeck-Frankenberg 1, 54‒60, Korbach. [56‒57].
- Kössler F. 2008: Personenlexikon von Lehrern des 19. Jahrhunderts. Berufsbiographien aus Schul-Jahresberichten und Schulprogrammen 1825‒1918 mit Veröffenlichungsverzeichnissen. Band Obbarius‒Oyen. ‒ Universiätsbibliothek Gießen [URL: https://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/6120/]. [49].
Quellen:
- Jüngst L. V. 1852: Flora Westfalens. ‒ August Helmich, Bielefeld. XVII + 438 Seiten.
- Ascherson P. 1858: Beobachtungen über die Flora des Fürstentums Waldeck und der angrenzenden Theile der Provinz Westfalen. ‒ Verh. Naturhist. Ver. Preuss. Rheinl. Westphalens 15: 193‒200, Bonn.
- Wigand J. W. A. (Hrsg.: F. Meigen) 1891: Flora von Hessen und Nassau. II. Teil. Fundorts-Verzeichnis der in Hessen und Nassau beobachteten Samenpflanzen und Pteridophyten. ‒ Schr. Ges. Beförder. Gesammten Naturwiss. Marburg 12(4), I‒VIII, 1‒565, 1 Karte.
- Kohl F. G. 1896: Excursions-Flora für Mitteldeutschland, mit besonderer Angabe der Standorte in Hessen-Nassau, Oberhessen und den angrenzenden Gebieten sowie in der Umgebung Marburgs. II. Band: Phanerogamae. ‒ Johann Ambrosius Barth, Leipzig. XXIII + 463 Seiten.
- Grimme A. 1958: Flora von Nordhessen. ‒ Abhandl. Ver. Naturk. Kassel 61, I‒XII, 1‒212, Kassel.
- Becker W., A. Frede & W. Lehmann, unter Mitarbeit von W. Eger, R. Kubosch, V. Lucan & C. Nieschalk 1997: Pflanzenwelt zwischen Eder und Diemel. Flora des Landkreises Waldeck-Frankenberg mit Verbreitungsatlas. ‒ Natursch. Waldeck-Frankenberg 5, 1‒510, Korbach „1996“.
Archivdatenbank BBF - Personalunterlagen von Lehrkräften: Wilhelm Ortloff
Stadtarchiv Bad Wildungen (K.-W. Meuser)
Waldeckische Landeszeitung (K. Beckmann-Fuchs)
Bildnis: Lübcke (1987: 25)
28. Feb. 2026